Grün Produzieren - Eine Materialsammlung

Mit “Grün Produzieren – Eine Materialsammlung” geben wir einen ersten Überblick und einführende Informationen zur nachhaltigen und ressourcenschonenden Film- und TV-Produktion mit Bezug zu den Bundesländern Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt. Die Idee zu dieser Materialsammlung entstand im Nachgang zur Online-Veranstaltung “Grün produzieren in Mitteldeutschland”, die im März 2024 im Rahmen des Netzwerkprojekts “IAMA connect” stattfand.

Unsere Materialsammlung richtet sich an Medien-Menschen, die sich erstmals in die Thematik einarbeiten oder einfach einen Überblick suchen, auch für Studierende und Jugendliche, die ihre Medienprojekte im Hinblick auf Nachhaltigkeit entwickeln möchten. Die zusammengestellten Ansatzpunkte sind, besonders hinsichtlich der dynamischen Entwicklungen und fortlaufenden Neuerungen in der Medienproduktionslandschaft, nie umfassend darstellbar. Wir wollen damit trotzdem eine erste Orientierung bieten.

Warum nachhaltig produzieren?

Die Film- und TV-Produktionen haben einen hohen Ressourcenverbrauch und erzeugen erhebliche CO2-Emissionen, die durch umweltfreundliche Praktiken und Technologien reduziert werden können. Umweltbewusstes, nachhaltiges Handeln findet sich am Schreibtisch, bei der Entwicklung von Geschichten, Welten und Projekten, in der Produktionsvorbereitung und während der Produktion von Filmen. Auch die Verbreitung und Auswertung der Filme, die Kinos und Festivals haben viel Potential zu größerer Klimafreundlichkeit.

Ökologische Standards für deutsche Produktionen

Seit dem 1.Juli 2023 gelten bundesweit einheitliche “Ökologische Standards”, deren Einhaltung für alle öffentlich geförderten Kino-/TV- und Online-/VOD-Produktionen verpflichtend ist. Auch die öffentlich-rechtlichen Sender haben diese Standards eingeführt.
Diese Standards bilden einen Maßnahmenkatalog, der aktuell 22 Muss-Vorgaben und 17 Soll-Vorgaben enthält, wobei bis Ende 2024 in begründeten Fällen Abweichungen von maximal 5 Muss-Vorgaben zulässig sind. Die Einhaltung dieser Standards ist also bundesweit eine verpflichtende Voraussetzung dafür, Fördermittel für die Produktion zu erhalten.

⇒ Green Motion
⇒ MDM online

Ökologische Standards in internationaler Perspektive

Zum Thema Nachhaltigkeit in der Filmproduktion gibt es auch andere europäische und internationale Initiativen. Sie entwickeln Standards, Toolkits und Analysen zum Thema. Hier eine Auswahl:

EU-weit:
Das Green Film Tool besteht aus einem Bewertungssystem und einer Zertifizierung als europäische Initiative unter Federführung der Trentino Film Commission. Zusammenschluss regionaler Förderer zu Standards für nachhaltige Filmproduktion. Es gibt auch ein LAB mit wissenschaftlichen Untersuchungen zum Thema.

GB:
Das Albert Toolkit beinhaltet einen CO2-Rechner, einen Aktionsplan und Zertifizierungsoptionen für Produktionen.

FR:
Die Ecoprod Tools bieten neben dem CO2-Rechner „Carbon’Clap“, Leitlinien, Zertifikate und weiterführende Informationen für nachhaltiges Produzieren.

USA:
Im Green Production Guide werden die Nachhaltigkeitsstandards in diesen drei Tools zusammengefasst: “Peach (Production Environmental Action Checklist), Pear (Production Environmental Accounting Report) und Plum (Production Lumber Material)”.

Green Screening Bereiche - Wo sind die wichtigsten Stellschrauben?

Für die Film- und Medienproduktion stehen vier Themen besonders im Fokus: CO2 Reduktion und Vermeidung, schonender Umgang mit endlichen Ressourcen, Einhaltung des Umwelt- und Naturschutzes und nachhaltige Strategien bei der Müllvermeidung und – entsorgung. Pro Bereich entwickelt ein Green Consultant Maßnahmen und Strategien zur nachhaltigen Umsetzung der Produktion.

CO2: Transport & Reise, Energie inkl. Licht / Generatoren, Unterkünfte / Hotels, Catering, (Bau-)Materialien, Kostüm
RESSOURCEN: fossile Brennstoffe, endliche Ressourcen, Holz / Papier und weitere Materialien
UMWELT- UND NATURSCHUTZ: Naturschutzmaßnahmen unter Beachtung spezifischer Gesetze, umweltverschmutzende Substanzen, Umweltgifte
MÜLL & ENTSORGUNG: Vermeidung, Wiederverwertung, Trennung, Recycling

Green Filming-Experten: Green Consultants für Film & TV

Green Consultants beraten, initiieren und unterstützen Unternehmen und Produktionen in der gesamten Produktionskette – von der Drehbuchentwicklung über die Pre-Production bis zur Auswertung – um eine ökologisch orientierte Produktionsweise zu implementieren. Ein Green Consultant erstellt zudem eine Soll-Bilanz vor der Produktion und eine Ist-Bilanz nach der Produktion, um den kalkulierten CO2-Ausstoß mit dem tatsächlichen Wert zu überprüfen. Nach Produktionsende erstellt der*die Green Consultant einen Abschlussbericht, in dem sowohl die Erfüllung der Muss-Vorgaben dokumentiert als auch die tatsächlichen CO2-Emissionen ausgewiesen werden. Der Abschlussbericht dient als Grundlage für die Beantragung des Labels „green motion“. Der Einsatz von Green Consultants bei jeder einzelnen geförderten Produktion ist eine Muss-Vorgabe in den ökologischen Standards. Zertifizierte Ausbildungen zum*zur Green Consultant Film & TV werden deutschlandweit angeboten, unter anderem bei der IHK Berlin in Zusammenarbeit mit der IHK München und der Hochschule der Medien Stuttgart (HdM) zusammen mit der MFG Baden-Württemberg. Zudem werden Stipendien zur Green Consultant-Weiterbildung durch die Green Actors Lounge vergeben.

Tools für Green Consultants und Nachhaltigkeitsmanager:innen

Für die CO2-Bilanzierung (Soll- und Ist-Bilanz), die eine Muss-Vorgabe für alle geförderten Produktionen ist, kann der CO2-Rechner von KlimAktiv als Tool verwendet werden. Der Zugang erfolgt über ein Bezahlmodell, allerdings ist eine Demoversion kostenlos zugänglich.

Ein Tool zur Kommunikation und Datenerfassung für Green Consultants und Gewerke während einer Produktion ist der Grüne Werkzeugkasten. Es enthält Checklisten, CO2-Rechner, Praxistipps für grünes Produzieren und mehr. Der Zugang erfolgt über ein Bezahlmodell.

Suche nach Dienstleistern für Grünes Produzieren

Da es aktuell keine umfassenden Übersichten und Suchfunktionen für die Suche nach nachhaltigen Partner*innen und Strategien in der Medienproduktion gibt, ist der Einsatz von Green Consultants besonders wichtig. Die Suche nach Dienstleistern für die verschiedenen Produktionsbereiche muss individuell an die spezifischen Voraussetzungen jedes Projekts (wie bspw. Genre, Budget, Region,etc.) angepasst werden.
Ein Green Consultant kann das Produktionsteam durch eine proaktive Kommunikationsstrategie erheblich entlasten. Idealerweise sollte der*die Green Consultant bereits vor Produktionsbeginn mit der Produktionsleitung und den Abteilungsleiter*innen (Heads of Departments) in Kontakt stehen, um sich über bestehende Kooperationen sowie bisherige Vorgehensweisen und Erfahrungen im nachhaltigen Produzieren zu informieren. Durch die frühzeitige Sensibilisierung für Nachhaltigkeit entstehen schon zu Beginn oft erste hilfreiche Synergien.
Bei der Suche nach nachhaltigen Produkten und Dienstleistungen sind Zertifikate und Label generell gute Anhaltspunkte. Allerdings ist nicht mit jedem Zertifikat verbunden, dass die Standards für nachhaltige Filmproduktion auch eingehalten werden können.
Die folgenden Links für die Suche nach Dienstleistern sind erste Ansatzpunkte und nicht vollständig.

Allgemein:
⇒ Die Green Production Map ist eine Karte mit Firmen, Initiativen und Events für grünes Produzieren.

Technik (Generatoren, Licht)/ Kostüm/ Fundus/ Studios:
⇒ VTFF:Verband Technischer Betriebe bei Film und Fernsehen
⇒ Bereich “Green Production“
⇒ Referenzliste für nachhaltige Angebote für die Medienproduktion
⇒ Steckbriefe zu Grünen Studios

Szenenbild, Materialien, Kostümbil:
⇒ VSK: Verband der Berufsgruppen Szenenbild und Kostümbild
⇒ Grundlegende Material- und Handelsinformationen

Maskenbild:
⇒ Bundesvereinigung Maskenbild
⇒ Nachhaltigkeit im Maskenbild – Handlungshilfe

Unterkunft
Zwar gibt es einzelne Portale und Zertifikate für klimafreundliche Hotels. Doch diese passen nicht immer zu den Standards und müssen nachrecherchiert werden. Deshalb sind grundlegend die regionalen Filmcommissons wichtige Ansprechpartner. Auch regionale Tourismusverbände halten evtl. Informationen vor.

Filmförderungen & Film Commissions

Seit der Berlinale 2023 haben sich die Staatsministerin für Kultur und Medien, alle Filmförderungen der Bundesländer und die Filmförderungsanstalt des Bundes FFA der Nachhaltigkeitsinitiative der Filmbranche angeschlossen. Schon zuvor haben einige Filmförderungen, wie die MOIN Filmförderung und die MFG Baden-Württemberg, Bestrebungen für eine nachhaltige Medienbranche aktiv vorangetrieben. Die Film Commissions sind durch ihre Beratungs- und Betreuungsfunktion bundesweit, aber auch international, bei der Planung und Umsetzung nachhaltiger Produktionsmaßnahmen sehr wichtige Anlaufstellen.

Mitteldeutsche Medienförderung
Ansprechpartnerin Green Filming: Maria Dehmelt
Film Commission

MOIN Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein
Besonderheit: Grüner Filmpass (seit April 2020) bietet einen Nachhaltigkeits-Check für die Bereiche Development, Auswertung und Kinomaßnahmen.

MFG Baden-Württemberg
Hier ist der Arbeitskreis “Green Shooting” angegliedert, der in der Konzeption der “Ökologischen Mindeststandards” maßgeblich involviert war.

Filmcommission Berlin – Brandenburg
Umfassende Website mit Informationen, die nach Departments gelistet sind, regionale und überregionale Angebote

Österreich
ÖFI – Österreichisches Filminstitut – Seit 01/2023 arbeitet das ÖFI mit einem Filmanreizmodell, bei dem bei Einhaltung umweltschonender Maßnahmen ein so genannter “Grüner Bonus” in Höhe von 5% möglich ist.
LAFC – Lower Austrian Film Commission Das LAFC stellt das umfangreiche Informations- und Arbeitsmittel “Evergreen Prisma Tool” zum Grünen Produzieren zur Verfügung.

Europäische Film Commissions
Europäische Film Commissions Hier können europaweite Maßnahmen, Erneuerungen und Initiativen zum Thema Nachhaltigkeit gefunden werden.

Öffentlich-rechtliche Sender

Neben den öffentlich-rechtlichen Sendern wie dem BR, NDR, RBB, SWR und WDR beteiligt sich auch der MDR an der Green Motion-Initiative. Dabei erklärt der MDR in seiner Selbstverpflichtung die Einhaltung der “Ökologischen Standards” bei mehr als der Hälfte aller fiktionalen Produktionsvolumina. Weiterführende Informationen zu diesem Thema, sowie eine Informationsbroschüre zu den konkreten Nachhaltigkeitsmaßnahmen des MDR in 2022 und 2023 sind hier zu finden.

Weitere Bereiche von “Grüner Filmproduktion” außerhalb der Produktion

Green Storytelling: Ein Ansatz innerhalb des Filmemachens, der sich auf die Integration von Klimawandel, Biodiversität, Umweltschutzthemen und Nachhaltigkeitspraktiken in der filmischen Erzählung konzentriert. Die MOIN Filmförderung bietet eine Checkliste für die einzelnen Bereiche

Ökologische Auswertungskonzepte: Hierbei geht es um Ideen und Strategien, die Auswertungskette einer Medienproduktion in Bezug auf Materialien, Ressourcen und CO2-Ausstoß klimaschonend zu gestalten. Dies betrifft Bereiche der Auswertung wie bspw. Marketing, PR-Maßnahmen, Werbematerialien, Festivalteilnahmen, Kinotouren und DVD-Vertrieb. Hier stellt die MOIN Filmförderung den “Leitfaden ökologische Auswertung” zur Verfügung.

Grünes Kino: Auch in den Kinogebäuden und -betrieben nehmen Klimaschutzmaßnahmen zu. Hier geht es insbesondere um die Energieeffizienz in den Gebäuden, den Einsatz von erneuerbaren Energien, einem nachhaltigen Concession-Angebot, Plastikverzicht und Mülltrennung.

Veranstaltungen/ Filmfestivals mit Fokus auf das Thema Nachhaltigkeit

Auszeichnungen für nachhaltige Filmproduktionen

Der Preis Eisvogel – Preis für nachhaltige Filmproduktionen wird durch das Bundesumweltministerium (BMUV) und die Heinz Sielmann Stiftung in Kooperation mit der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) verliehen. Dabei ist der Preis in der Hauptkategorie mit 20.000 Euro und in der Nachwuchskategorie mit 5.000 Euro dotiert.

Info-/ Weiterbildungsveranstaltungen

„Keen to be green“ ist ein regelmäßiges Online-Panelformat der German Film Commissions, das dazu dient, Informationen auszutauschen, Updates zu geben und Diskussionen über nachhaltige Filmwirtschaft zu führen. Alle vergangenen Ausgaben seit 2021 können von hier gestreamt werden.

Weiterführende Initiativen & Informationen

Green Film Shooting: Europäisches Zentrum für Nachhaltigkeit im Medienbereich

Ayla Güney im Auftrag der International Academy of Media and Arts e.V. Halle, 2024

Ayla Güney lebt und arbeitet in Halle (Saale). Sie ist Filmemacherin und Producerin im Dokumentarfilmbereich und seit August 2023 zertifizierte Green Consultant. Ihr ist es wichtig, Nachhaltigkeit in der Filmwirtschaft in Mitteldeutschland zu fördern und hierfür passende Strukturen mitzugestalten.

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